Empfänger. Installationen mit Sound. 2015


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Auszug aus dem Vortrag Empfänger von Benjamin Sprick:

"(...)Deleuzes Rede von einer ›Strebung‹ oder ›Anspannung‹ lässt sich auch mit dem Begriff ›Ton‹, der ja das Motto der diesjährigen Ausstellung-Serie im Einstellungsraum ist, in Verbindung bringen. Denn das deutsche Wort ›Ton‹ leitet sich aus dem griechischen tónos ab, was soviel wie ›Anspannung‹ bedeutet, und dem lateinischen tonus, der ›Spannung einer Saite‹ entspricht. Nur wenn eine Saite angespannt ist, ist es möglich, auf ihr einen Ton zu produzieren. Es gibt auch den sogenannten Körpertonus, die Körperspannung, der unter Umständen mit einem menschlichen ›Grundton‹ im Zusammenhang steht. Hören kann vor diesem Hintergrund als der permanente Vorgang des Empfangens von Spannungen (von Tönen) verstanden werden, der aus einem Spiel differentieller Wahrnehmungsvermögen hervorgeht, das affektive Energie generiert. Hierbei sind Vorgänge des Erinnerns, des Verarbeitens und Neuzusammensetzens von Sinneseindrücken involviert, die sich überlagern, unterbrechen und ineinander übergehen. Ein sehr spannendes und weitläufiges Thema...

Auch von Wagner wird der Ton als ein gespanntes, fast ›überspanntes‹ Medium begriffen, das nicht in sich selbst ruht, sondern expressiv nach außen drängt und auf andere, nichtmusikalische Medien übergreifen kann. Wie wohl kein anderer Komponist hat Wagner daher eine Synthese von bildnerischen, sprachlichen, musikalischen und übrigens auch olkofaktorischen, also geruchlichen Medien angestrebt. Wagners Figuren schnuppern permanent an Düften, werden durch Gerüche inspiriert oder hüllen sich in blauen Dunst, wie der Zauberer Klingsor zu Beginn des 2. Akts des Parsifal, der dann durch einen grässlichen Schrei Kundrys unterbrochen wird. (Diese Szene wiederum inspirierte Margarethes Installation...)

Konkret wird Wagners Projekt einer sich gegenseitig überschreitenden Medienaffizierung im Konzept des ›Gesamtkunstwerks‹, das die Zuhörerinnen und und Zuhörer berauschen und überwältigen soll. Was mit dieser Überwältigungsästhetik in etwa gemeint ist, lässt sich am Ende der Oper Tristan und Isolde erahnen, wo Isolde ihren durch zu große Liebe ausgelösten Liebestod besingt und bestaunt. Sie hört dort eine Melodie, die ansonsten niemand anders zu hören scheint. Isoldes entrückter Gesang wirkt wie eine Reflexion des Mediums Oper auf sich selbst, es scheint, als würde sie dem was sie gerade auf der Opernbühne tut, zuhören, es kommentieren und in gewisser Weise auch dessen Wirkung selbst empfangen. Wir haben hier leider keine Musikanlage, aber allein der Text ist schon sehr aussagekräftig. Ich zitiere:

Fühlt und seht ihr's nicht? Höre ich nur diese Weise, die so wundervoll und leise, Wonne klagend, alles sagend, mild versöhnend aus ihm tönend, in mich dringet, auf sich schwinget, hold erhallend um mich klinget? Heller schallend, mich umwallend. Sind es Wellen sanfter Lüfte? Sind es Wogen wonniger Düfte? Wie sie schwellen, mich umrauschen, soll ich atmen, soll ich lauschen? Soll ich schlürfen, untertauchen? Süß in Düften mich verhauchen? In dem wogenden Schwall, in dem tönenden Schall, in des Welt-Atems wehendem All -ertrinken, versinken - unbewußt - höchste Lust!

Isolde verfällt an der hier zitierten Stelle offenbar in einen ›multisensorischen Rausch‹: sie empfindet etwas, das sich – in einem empirischen Sinne – nicht empfinden lässt. Sie empfängt eine unaussprechliche und unhörbare Botschaft, die sie in Exstase versetzt, in ein entzücktes Außer-Sich-Geraten. In ein Zustand also, den man gelegentlich auch als ›Rausch‹ bezeichnet. Der Rausch Isoldes entspringt, so wäre zumindest meine Vermutung, dem tosenden Rauschen niemals ganz ineinander aufgehender ästhetischer Medien, die in ihrer Vielfalt eine permanente Verwirrung der Sinne auslösen. Diese lässt sich nicht mehr verstehen, sondern nur noch empfangen, aufnehmen und in ihrer intensi- ven Spannung in andere künstlerische Artikulationen weitertreiben: Isolde wird im Liebestod nicht zuletzt zu einer singenden Dichterin.(...)"